Zum Hauptinhalt springen

Beispiel

Thomas, 63. Inhabergeführte Zimmerei im Allgäu, 28 Mitarbeitende.

Die Frage, was aus dem Betrieb werden soll, beschäftigt Thomas schon eine Weile. Eine Nachfolge in der Familie gibt es nicht. In den vergangenen Jahren haben sich zwei Investoren gemeldet, mit denen er ernsthaft gesprochen hat. Bei beiden hatte er das Gefühl, dass es ihnen vor allem um die Zahlen geht und die langfristige Fortführung des Unternehmens zweitrangig ist. Beide Male hat er abgelehnt.
In einem Branchenmagazin stößt er auf einen Artikel über Unternehmen, die von ihren Mitarbeitenden übernommen wurden. Belegschaftsübernahme (Workers‘ Buyout) heißt das Modell. Er liest den Artikel zweimal. Die Idee klingt ungewohnt — aber er kann sie nicht einfach beiseite legen.

Thomas war schon immer aufgeschlossen für Innovationen, dafür ist das Unternehmen heute bekannt – zum Beispiel der Schritt in die computergestützte Planung, als alle noch per Hand gezeichnet haben. Die Erweiterung der Werkstatt, als die Auftragsbücher noch gar nicht voll waren. Also liest er sich ein und spricht mit einem Bekannten, der in einer Genossenschaft organisiert ist. Und je mehr er versteht, desto interessanter wird die Idee.

Aber dann kommen die Fragen:
Will das Team das überhaupt? Die meisten Zimmerer sind seit Jahren dabei — aber Miteigentümer werden ist etwas anderes als angestellt sein.
Wer übernimmt dann was? Thomas weiß, wer auf der Baustelle liefert. Aber kann sein Team auch die Verantwortung tragen, die er immer alleine gestemmt hat?
Werden am Ende weiterhin gute Entscheidungen getroffen oder endet jede Frage in einer endlosen Diskussionsrunde?

Für Thomas sind das sind ganz neue Gedankengänge. Er hat seinen Betrieb immer alleine geführt. Die Idee, dass sein Team das gemeinsam übernehmen könnte, fühlt sich fremd an. Und doch lässt sie ihn nicht los.

Vielleicht sollte er seinen Mitarbeitern mehr zutrauen, als er bisher gedacht hat: Da ist Stefan, der seit zwölf Jahren dabei ist und die Baustellen führt wie kein Zweiter. Und Maria im Büro, die den Laden schon mehr als einmal gerettet hat, wenn er selbst nicht da war. Wenn er weiter darüber nachdenkt, fallen ihm noch mehrere Kollegen ein. Also nimmt er sich vor, mit ihnen erste Gespräche zu führen.

Bei vielen seiner Fragen hat Thomas jetzt eine Vorstellung, wie es funktionieren könnte. Aber die eine Frage hat er schon die ganze Zeit im Hinterkopf: Wer zahlt eigentlich den Kaufpreis für das Unternehmen? Seine Zimmerer sind gute Handwerker — aber sie können ihn nicht einfach auszahlen. Wie soll das funktionieren?

 Thomas hat in den letzten Wochen viel gelesen, mit Kollegen gesprochen, Artikel überflogen. Ein Bekannter, der seinen Betrieb bereits verkauft hat, sagt etwas, das hängen bleibt: „Ich wünschte ich hätte mir mehr Zeit genommen, die richtige Lösung zu finden. Ich habe mich für den schnellen Weg entschieden.“ Seine Frau bringt es noch kürzer auf den Punkt: „Du hast 30 Jahre dafür gearbeitet. Dein Einsatz verdient mehr Wertschätzung!“

Als er das Thema bei einem Kaffee mit Mitarbeitern anspricht, begegnet ihm nachdenkliches Zuhören – und viele Fragen. Dabei wird deutlich, dass dem Team die Notwendigkeit einer Nachfolgeregelung längst bewusst ist und dass die Sorge um die Fortführung des Unternehmens im Raum steht.

Was ihm bei all dem klar wird: Das ist kein Projekt, das er nebenbei stemmen kann. Zum ersten Mal seit Monaten hat er das Gefühl, das Thema Nachfolge nicht mehr vor sich herzuschieben. Er braucht aber jemanden, der den Überblick behält.